Anarchische Sticheleien

Claudia Kallscheuer zeigt in der mianki Gallery ihre eigenwilligen Nadelwerke

Wie viele Nähmaschinen sie denn so verschleiße, will eine Ausstellungsbesucherin von Claudia Kallscheuer wissen. „Meine Pfaff ist acht Jahre alt“, sagt die Berliner Künstlerin, „und musste bisher einiges aushalten. Ich verstelle immer wieder die Fadenspannung, es entstehen Schlingen, die ich herausziehe und Knoten, die eigentlich nicht hingehören.“
Diese kalkulierte Disziplinlosigkeit erzeugt lose Fäden, kleine und größere Fadenknubbel und mehrfache Überlagerungen. Sie geben den Werken, fast durchgehend Näharbeiten auf Stoff, eine anarchische Anmutung. Eine scheinbar brave und als typisch weiblich geltende Technik wird hier gegen den Strich gebürstet. Damit steht Claudia Kallscheuer in einer langen Tradition. Louise Bourgeois, Rosemarie Trockel, Alighiero e Boetti und Francesco Vezzoli sind nur einige Künstlerinnen und Künstler, die mit Nadel und Faden gearbeitet haben. Tracy Emin verschaffte sich damit vor 20 Jahren sogar den Ruf als neues Enfant terrible der Kunstszene. In ihrem Werk „Everyone I Have Ever Slept With" bestickte sie die Innenwände eines Camping-Zeltes mit den Namen von über hundert Personen, mit denen sie bis dato in einem Bett geschlafen hatte – hauptsächlich Sexpartner, aber nicht nur.
Claudia Kallscheuer liegt es jedoch fern zu provozieren.
In der zentralen Arbeit „12 Monate – work in progress“ (Preis auf Anfrage) und Namensgeberin der Ausstellung schrieb sie mit der Nähmaschine ein Jahr lang täglich den Wetterbericht auf 365 gebrauchte Teebeutel aus Seidenorganza. Eine Art Tagebuch mit scheinbar banalen und vergänglichen Dingen. Der Wetterbericht vom Vortag ist am nächsten Morgen überholt, gebrauchte Teebeutel werden normalerweise achtlos entsorgt. Kombiniert und konsequent aneinander gereiht, entfalten sie eine fragile und rätselhafte Magie.
Claudia Kallscheuer rückt Alltägliches und Beiläufiges in den Mittelpunkt, blickt hinter triviale Fassaden, um ihnen neue Wahrheiten zu entlocken. „Wenn die Leute mit mir über das Wetter reden, bin ich mir stets sicher, dass sie etwas ganz Anderes meinen“, zitiert sie Oscar Wilde.
Die Nähmaschine ist ihr wichtigstes Arbeitsgerät, das sie virtuos beherrscht und mit dem sie schreibt und zeichnet wie andere Künstler mit dem Stift.
Das Nähen hat die 47-Jährige von der Pike auf gelernt, in ihrer Ausbildung zur Damenschneiderin sowie im Modedesign-Studium an der Akademie für Mode in Hamburg, bevor sie Malerei in Berlin studierte.
„Ich mache keine Skizzen“, sagt sie, „sondern gehe spielerisch vor.“ Oft lasse sie sich dabei vom Unbewussten manövrieren, etwa in der Farbauswahl, bei der leuchtendes Gelb, Pink und Orange dominieren, oder bei den Schriftzügen. Während diese etwa bei „Wetter_Heute am Himmel“ aus Seidenorganza, Binder und Nähgarnen (650 Euro) deutlich zu lesen sind, werden die Buchstaben in anderen Werken unklar bis vollkommen enigmatisch wie etwa in „Teebeutel (Skizzen_11082014)“ für 160 Euro. Die Arbeit besteht aus einer Aneinanderreihung von kleinen Knoten, die an eine Art Geheimschrift erinnern.
Die wenigen figürlichen Arbeiten wie etwa „HEITER BIS GLÜCKLICH_bitte melde Dich 2“ (2100 Euro) wirken ebenfalls skizzenhaft. Die drei dargestellten Personen sind gesichtslos und konturenhaft als Vertreter der Hipsterszene zu erkennen. Grundlage sind Stoffzuschnitte mit deutlichen Falz- und Liegespuren. Gebrauchtes und abgelegtes Material, dem Claudia Kallscheuer mit ihren kühnen Nadelstichen eine poetische und bestrickende Extravaganz verleiht.

Carmen Gräf

Faden - Strich + SPANNUNG

Fäden auch mal nicht vernähen, einfach hängen lassen. Und nicht nur von Stoff herab, sondern auch von Holz oder von Teebeuteln oder von Safety-Cards einer Airline. Die Oberflächen, die Claudia Kallscheuer bestickt, sind außergewöhnlich. Noch außergewöhnlicher aber, dass es ihr weniger um die Ober- als um die Unterseite des bestickten Materials geht.

Claudia Kallscheuer kehrt unteres zu oberst. Sie spielt mit innen und außen, verkehrt linke und rechte Seite, schafft Unordnung in der Ordnung. Fehler werden eingebaut, Fadenspannungen variiert, Überlagerungen und Verwicklungen im Nähprozess geduldet. Es wird geknotet, wo kein Knoten passt.

Mit ihrer eigenständigen und eindrücklichen Bildsprache lädt Claudia Kallscheuer ein, Betrachtungsweisen zu überdenken: ist die Papiertüte nicht ebenso wichtig wie das Gemüse, für dessen Verpackung sie herhalten muss? Oder: Warum missachten wir mit steter Regelmäßigkeit die Safety-Cards und – Instruktionen vor dem Abheben des Flugzeugs – wo doch im Ernstfall unser Leben davon abhängt?

Das scheinbar Nebensächliche wird in Claudia Kallscheuers Werk gehalten, in Spannung gebracht, festgezurrt. Das scheinbar Triviale erscheint durch die Umzeichnung mit Nähseide in ungewohnter, verfremdeter Form, in neuem Gewand. Wir Betrachter erkennen die populären Bildmotive der aktuellen Ausstellung – und doch sehen wir sie wie zum ersten Mal.

Andreas Herrmann
Berlin im Juni 2010