Kleinchen III, Teebeutel, Acryl, Nagellack auf Holz, 10 x 5 x 3 cm, 2008
Kleinchen III
Teebeutel, Acryl, Nagellack auf Holz
10 x 5 x 3 cm
2008

Der rote Faden

Es gibt einige wenige Leute, die interessieren sich beim Obsthändler eher für die Sachen, die ihnen im Weg sind. Claudia Kallscheuer gehört auch zu jenen, die sich erst in zweiter Linie für die Früchte interessieren, sondern viel mehr für die Papiere, in die sie eingewickelt sind. Und „wertvoller” als der Inhalt, erscheint doch eigentlich diese Papiertüte mit dem wenig kunstvollen Aufdruck „Esst mehr Obst”.

Die Welt ist voll von diesen kleinen visuellen Kostbarkeiten und optischen Kuriositäten, die andere Leute links liegen lassen, die Claudia Kallscheuer aber als Material für ihre kleinen bizarren, bisweilen poetischen (dreidimensionalen) Collagen benutzt.

In ihrem Atelier werden aber Stoffe vernäht (eine Judo-Hose findt eine neue Bestimmung als Bilduntergrund). Es wird Tafel-, Nagel- oder Schelllack verarbeitet und die Einwohnerschaft einer ganzen Kleinstadt wartet in Form von Modelleisenbahn-Figuren auf ihren Einsatz in Claudias Bildobjekten. Da klettern winzige Bergsteigerfiguren an einer schwarzen Wand hinauf, die sich als die Silhouette eines Jägers entpuppt, der seinen Namen von einem Tiefdruckgebiet bekommen hat. Bernd begegnet uns in einer ganzen Reihe von Arbeiten und zieht sich wie ein roter Faden durch die Werke des Jahres 2008.

In den allerneusten, vielversprechenden Arbeiten Claudia Kallscheuers ersetzt gestickte Nähseide Pinsel und Farbe, bzw. Zeichenstifte. Die Umrisslinien von Barack Obamas Vereidigung sind von Hand oder Maschine auf Stoff gestickt und auf runde Rahmen gespannt. So erscheinen populäre Bilder verfremdet, aber dennoch wiedererkennbar – sprichwörtlich im neuen Gewand.

Doch bei aller Leichtigkeit, die den Bildern und Objekten anhaftet, sind sie doch Produkte eines bisweilen langen Prozesses. Die Fläche, die jetzt rot ist, war vielleicht vorher zweimal weiß, dazwischen einmal blassrosa und einmal grau. Bis die endgültige Version gefunden ist, vergeht oft viel Zeit.

Die Werke haben schließlich aber Zeit und Mühen abgestreift und strahlen eine spielerische Unbekümmertheit aus, die ihren Reiz ausmacht.

Claudia Kallscheuer hat sich so eine sehr eigenständige Bildsprache entwickelt, die ich sehr schätze, und der ich viel Erfolg wünsche.

Andreas Amrhein
Berlin im März 2009